Einige erste Ueberlegungen zu Chile

iquique

Nun sind wir also hier, in dem Land auf das ich mich am wenigsten gefreut habe. Vor drei Jahren war ich schonmal hier, auch in Iquique, damals aus einem der aermsten Laender, Bolivien, in eines der reichsten Laender Suedamerikas kommend. Der Preisschock war riesig, alles war europaeisch, kurz: langweilig und unangenehm.

Das ist auch diesmal so. Alles ist etwas teurer (besonders die Unterkunft) – aber es ist auch gerade Hochsaison, Sommerferien eben. Und auch wenn es durch den Fortschritt und die Modernitaet etwas langweilig ist, hat uns doch genau das Fehlen diese Attribute in den anderen Laendern zum Teil den letzten Nerv gekostet. Es ist schoen, wenn Autos an Fussgaengerueberwegen anhalten (wir sind jedesmal noch ein wenig geschockt darueber), es ist schoen, wenn Westler nicht die einzigen Touristen sind, sondern in unserem Hotel und auf den Strassen nahezu ausnahmslos urlaubende chilenische Familien zu sehen sind. Wir fallen kaum auf, werden nicht angestarrt, nicht als Quelle jeglicher Finanzierungswuensche identifiziert. Es ist schoen, unter Menschen mit aehnlichen Bildungsstand zu sein. So begruesste uns der Dermatologe mit einigen Brocken Deutsch und wechselte dann in ein fliessendes Englisch (was meine Spanischkenntnisse allerdings durchaus etwas beleidigt hat). Die Menschen benoetigen auch keinen Taschenrechner mehr, um Wechselgeld oder Hotelrechnungen auch bei einfachsten Betraegen (Kosten: 50, Bezahlung: 100, Wechselgeld: ?) zu errechnen und koennen mir auf Anhieb sagen, wieviel Zeit ich fuer eine bestimmte Wegstrecke benoetige. Mehr Geld, und in der Folge hoehere Bildung sensibilisieren offenbar auch fuer die Beduerfnisse des Gegenueber: So rief unsere Hotelrezeptionistin auf meinen blossen Hinweis, dass ich einen Arzt suche, geschaeftig und ohne Zoegern bei vier verschiedenen Medizinern an, um einen zeitnahen Termin fuer mich zu ergattern (innerhalb einer Stunde war ich in Behandlung) und auch die Frau in der Touristeninformation freut sich immer, uns zu sehen und versucht uns jeden Wunsch zu erfuellen. Und ploetzlich spuere ich so etwas wie ein empathisches Vermoegen gegenueber Touristen, die Leute haben eine Meinung und zeigen Interesse fuer ihre Umgebung: Fragen wir, welche Seite im Bus die landschaftlich schoenere ist, bekommen wir praezise – obgleich persoenliche – Antworten und auch die Frage nach dem tatsaechlichen Wert bestimmter angepriesener Ausflugsziele wird zufriedenstellend beantwortet. Weniger Desinteresse, weniger Lethargie, hoehere Lebendigkeit ist zu spueren. Und offenbar haengt auch der Musikgeschmack mit Geld, Bildung oder dem prozentualen Anteil von indigenen Voelkern an der Gesamtbevoelkerung (Chile hat quasi keinen) zusammen: im Gegensatz zu den anderen uns bekannten Andenlaendern laeuft hier moderate spanischsprachige aber ebenso auch englischsprachige Musik. Bei mancher Busfahrt bin ich sonst schon fast verrueckt geworden angesichts unertraeglicher, in uebermaessiger Lautstaerke johlender lateinamerikanischer Schmalz- und Schmachtmusik, in der es doch nur um die Hingebung zu einer Frau, die Liebe zur eigenen Mutter, den Verlust einer Frau, die unerfuellte Liebe oder auch, saisonbedingt, um Weihnachten (Feliz Navidad) und Silvester ging. Volksmusik eben – und alle singen mit, auch die Jugend.

Klingt bestimmt alles sehr arrogant und sicher gibt es tausende einleuchtende Erklaerungen, und doch sind es eben gerade solche Kleinigkeiten, die einem nach einiger Zeit auf die Nerven gehen und ziemliches Unverstaendnis hervorrufen. Und so leiden vielleicht die Spannung und der Geldbeutel unter Chile, aber das Gemuet erholt sich und ich kann mich fast heimisch fuehlen. Im Gegensatz zu Peru hat mich Chile also diesmal von sich ueberzeugt und ich freue mich auf die naechsten Wochen und Monate.

~ von Anna - 23. Januar 2009.

4 Antworten to “Einige erste Ueberlegungen zu Chile”

  1. Demgibt es nichts hinzuzufuegen… Auf den punkt.

  2. Ich frage mich gerade, ob ihr euch das Grab von Erich Honecker anschaut. Ich bin verwirrt von mir selbst, da die Melodie des kleinen Trompeters plötzlich in meinem Kopf ist.

  3. putzige idee, ich google gleich mal wo das ist…

  4. hab gerade gegooglet… kein grab hier, die asche steht dann voll bei der familie aufm kamin… kennt er ja von frueher, so repraesentativ rumzuhaengen…

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