In die Ecke kacken – eine Rezension

Puh, ich bin mit Feuchtgebiete von Charlotte Roche fertig. Und das, nachdem ich zur Halbzeit kurz davor war das Buch zur Seite zu legen.

Die Geschichte handelt von der 18-jährigen Helen, die im Krankenhaus liegt, weil sie sich bei einem missglückten Versuch, sich den Arsch zu rasieren den selbigen aufgeschlitzt hat und nun operiert werden muss. Die Zeit schlägt sie mit ihrem Lieblingshobby, dem Verteilen von Bakterien tot. Und so geht es in der ersten Hälfte des Buches in erster Linie um jede Menge Sperma, Kacke, Kotze, Schorf, Blut und Muschisaft – in ähnlich komprimierter Form. Eine solche Überspitzung ist kurzzeitig nett zu lesen, wird dann aber schnell langweilig. Ich habe ein paarmal an Pornos denken müssen. Fäkalporn, nur ohne Vorspultaste.

Das Buch benutzt bis hier keine Geschichte um ein Thema zu erzählen, sondern stellt nur das Thema selbst aus. Das ist mir ein bisschen zu wenig.

Ebenso überhöht wird Helens Sexleben dargestellt, aber nicht überzogen genug um es klar deutlich als Übertreibung identifizieren zu können und darunter leidet das alles ein bisschen. Ich kann ihr das nicht so richtig abkaufen. Egal was sie tut, nie tut ihr dabei irgendwas weh, nie müssen irgendwelche Hemmungen überwunden werden und es gibt keinerlei Konflikte oder Brüche.

Die zweite Hälfte fand ich deutlich sympathischer. Helen wächst mir langsam ans Herz. Sie bekommt Risse und die Fassade bröckelt und stürzt am Ende komplett in sich zusammen. Charlotte Roche beginnt eine Geschichte zu erzählen, die nicht aussergewöhnlich, aber nett zu lesen ist.

Der Schluss bricht zielich stark mit dem rest des Buches. Helen wählt den widerstandslosesten Weg aus dem Konflikt mit ihren Eltern und damit den gleichen wie diese, denen sie ihre verlogene Verschwiegenheit permanent vorgeworfen hat. Aber einen Vorwurf kann man einer 18-jährigen daraus kaum machen.

Mit dem ganzen Postfeminismusgejubbel im Blick ist der Schluss ganz spannend. Am Ende wird Helen von ihrem Prinzen gerettet. Das klingt dann ein bisschen nach Dornröschen.

~ von Mario - 16. Mai 2008.

2 Antworten to “In die Ecke kacken – eine Rezension”

  1. Hallo Mario,

    auch wenn wir dem Buch gegenüber in manchen Dingen anderer Meinung sind, gefällt mir Deine Rezension sehr gut, weil Du Dich wirklcih auf das Buch beschränkst und nicht anfängst, Roches Psyche auseinander zu nehmen oder irgendwelche Rückschlüsse auf furzende Frauen in Real zu schließen, wie es leider viele andere tun, die sich mit Roches Sichtweise nicht so anfreunden können.

    Deine letzte Anmerkung finde ich auch ziemlich berechtigt, denn in gewisser Weise wird da wirklich das Traumprinz-Schema erfüllt, Helen wird gerettet. Könnte man als kitschig bezeichnen. Und auch garnicht emanzipiert.
    Allerdings finde ich, dass man es auch im Zusammenhang mit Helens gesamten Verhalten Robin gegenüber betrachten und bewerten kann. Da muss man einfach zugeben, dass es nicht das übliche Verfahren ist, um das Herz eines jungen Mannes für sich zu gewinnen, nein, Helen verhält sich nicht schmachtend schüchtern, dezent errötend und mit den Wimpern klimpernd. Und im Grunde ist ja auch nichts verkehrt daran, gerettet werden zu wollen, Geborgenheit zu suchen. Auch wenn man kein Girlygirl ist.

    Deine Viktoria

  2. Today I thought of shaving my ass, but you gave me the final reason not to do it. Thank you. I think I would be interested in reading the first part of the book… because… I suppose it was intended to have no real narrative, the way you explain it.

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