Neues aus Bolivien

Vor ziemlich genau sieben Jahren pries mir ein Professor den internationalen Teil der Neuen Zürcher Zeitung als ein unbedingtes Muss für jeden Politikstudenten an. Erst jetzt und dank der modernen Technik (aka Feedreader) habe ich mir diesen Rat zu Herzen genommen. Und prompt flattern mir interessante Berichte über „mein“ Bolivien ins Haus in den Reader.

Genau in der Zeit, als ich dort mein Praktikum absolvierte, tobte der Wahlkampf um einen neuen Präsidenten, da der alte, wie so oft in den Jahren zuvor, vorzeitig sein Amt aufgegeben hatte. Der zwischenzeitlich eingesetzte Präsident war schlau genug, sich nicht zur Wahl zu stellen. Evo Morales gewann die Wahlen im Dezember 2005. Und ich fand das gut. Meine Kollegen, eher der Mittel- bis Oberschicht zuzuordnen, sahen bereits die sozialistische Einheitswalze über sich hinwegrollen. Doch auch ich verband mit ihm die Hoffnung, dass das Land endlich zusammenwachsen könne und nun auch die lange marginalisierten Ureinwohner des Hochlands im Staat Bolivien ihren Platz finden könnten. Und Evo repräsentierte, ganz im Gegensatz zu den anderen Kandidaten, einen Neuanfang und eine Vision.

Und die Leute haben seinen Sieg gefeiert. Eigentlich haben Menschenaufläufe und gerade auch ein solcher Personenkult beängstigende Züge. Aber ich fand es unglaublich interessant und habe mich für diese Menschen und ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft gefreut.

Doch meine Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Mehr noch, alles strebt in die entgegengesetzte Richtung. Der „media luna“, der Halbmond Boliviens, wehrt sich zunehmend gegen den zentralistischen Zugriff aus La Paz. Die ehemals wohlhabenden Provinzen im Hochland beherbergen die indianische Bevölkerungsmehrheit des Landes, die Provinzen im Tiefland, durch Gasvorkommen und Landwirtschaft in den letzten Jahren erstarkt, eher Weiße und Mestizen. Sie wehren sich nun dagegen, dass ihr neuer Wohlstand auch den armen Teilen des Hochlandes zugute kommt. Sie fordern mehr Autonomie und die Beachtung ihrer Forderungen in der neuen Verfassung (die nach Plan eigentlich auch schon Ende 2006 verabschiedet werden sollte). Hier überlagern sich einmal mehr ganz unglücklich ethnische und soziale Fragen bzw. Probleme. Und Evo, angetreten alles besser zu machen, sowohl für die einen als auch für die anderen, kann angesichts verhärteter Fronten eigentlich nur noch Fehler machen. Am Ende des Tunnels drohen schon staatliche Zwangsmaßnahmen und Gewalt.

Nichtsdestotrotz: Danke, lieber Feedreader. Ich freue mich auf mehr von Dir.

~ von Anna - 6. Mai 2008.

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